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Die Österreichische Fußballbundesliga will ja 2021 den Videobeweis (Video Assistant Referee = VAR) einführen. Spätestens seit dem gestrigen DFB-Pokalspiel Eintracht Frankfurt gegen Werder Bremen halte ich das nicht mehr für eine gute Idee.


Was war passiert? Beim Stand von 0:0 gab es kurz vor der Pause eine Flanke in den Bremer Strafraum, die abgewehrt wurde. Bei der nächsten Unterbrechung lief der Schiedsrichter plötzlich zum Monitor, um sich eine Szene anzuschauen, auf die ihn „der Kölner Keller“ (Sitz des VAR) aufmerksam gemacht hatte. Dort sah er dann ein „Handspiel“, das seit der neuen Regelauslegung in dieser Spielzeit (vorher nicht) ein strafbares Handspiel ist (Hand über Schulterhöhe bei Ballberührung). Er sah sich die Szene lange an und gab dann Elfmeter. Das war der Zeitpunkt, an dem ich meine Meinung über den VAR endgültig änderte. Bisher war ich immer noch ein Befürworter, jetzt aber nicht mehr.


Der VAR soll ja nur bei KLAREN Fehlentscheidungen eingreifen. Ist es eine klare Fehlentscheidung, wenn es ein nach den neuen Regeln strafbares Handspiel gegeben hat, das NIEMAND im Stadion wahrgenommen hat? „Ja“, sagt der Gerechtigkeitsfanatiker, welcher wohl auch im Kölner Keller saß, „Nein“, sage ich als „normaler“ Fußballfan. Wenn sich jemand von den Frankfurtern beschwert hätte, dass es ein Handspiel gegeben habe, dann ja. Aber so griff der VAR meiner Meinung nach ohne Not in das Spiel ein. Und das nicht zum ersten Mal. Auch im dritten Jahr des VAR gibt es endlose Diskussionen darüber.


Der Schiedsrichter stand dann natürlich vor einer schweren Aufgabe, sah sich die Szene lange am Monitor an. Als er dann wegging, zögerte er noch einmal, traf aber dann doch die Entscheidung Elfmeter. Da hätte er berühmt werden können, hätte sich FÜR den Fußball entscheiden können, hätte sagen können, dass es keine klare Fehlentscheidung war, diese Szene nicht wahrgenommen zu haben. Sicher wäre er dann kritisiert worden, aber das wird er jetzt ja auch. Aber er ging lieber den sicheren Weg, von den Regeln abgedeckt. Auch wenn der nicht im Sinne des Fußballs ist, nicht sein kann. Diese Art von Gerechtigkeit war ziemlich sicher nicht die, die man mit dem VAR erreichen wollte. Man wollte irreguläre Handtore bzw. Phantomtore vermeiden, wollte Toren nach klarer Abseitsstellung die Gültigkeit entziehen, wollte falsche Elfmeterentscheidungen wieder zurücknehmen können – man wollte KLARE Fehlentscheidungen korrigieren können.


Aber was wurde daraus? Hardcore-Puristen streiten sich um Millimeter beim Abseits, „gleiche Höhe“ (= im Zweifel für den Angreifer) gibt es nicht mehr. Der Fußball wird immer mehr seiner Emotionen beraubt. Über Tore kann man sich erst freuen, wenn die Überprüfung des VAR vorbei ist. Und die kann schon mal einige Zeit dauern. Man freut sich dann immer noch, aber nicht mehr so sehr bzw. dann die Enttäuschung, wenn es nach ein paar Minuten Videostudium dann doch um eine Haarlocke bzw. Nasenspitze Abseits war. Und so einen entscheidenden Elfmeter wie gestern braucht kein Mensch. Dann lieber Fehlentscheidungen wie früher und weg mit dem VAR. Wird nicht passieren, dafür wurde schon zu viel investiert. Aber die pure, buchstabengetreue, 100-%-ige Gerechtigkeit, die der VAR uns liefert, stimmt mit der Gerechtigkeit der realen (Fußball-)Welt gar allzu oft nicht überein …

 

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