Durch nicht hierhergehörende Umstände – oder kurz formuliert – durch Umstände, gelangte ich zweitweilig in den Besitz des Buches „Ein langer Brief aus Dreizehnlinden“, herausgegeben vom Tarrenzer Künstler, Autor, Historiker, Sammler und noch einiges mehr, Willi Pechtl. Darin beschreibt der Ötztaler Ernst Klotz, geboren 1914, aufgrund der tristen Wirtschaftslage 1934 nach Brasilien ins Dorf Dreizehnlinden ausgewandert, sein Leben. Er wuchs in großer Armut auf, lange Zeit ging es für ihn meist nur darum, genug zu essen zu bekommen, zu überleben.


Szenenwechsel. Ich sitze im Auto und lasse mich von ihm fortbewegen, als mich plötzlich der unwiderstehliche Drang nach Glückshormonen überfällt. Und zwar in Form von Heißhunger auf Schokolade. Nicht irgendeine, sondern auf die Milka-Haselnuss. Mmmhhhh!


Kaum mehr Herr meiner Sinne steuere ich ein Lebensmittelgeschäft meines Vertrauens an. In Gedanken bereits die schokoladige Köstlichkeit öffnend, den Duft des freigelegten braunen Korpus einatmend, taumle ich dem Regal der Süßigkeiten entgegen. Dorthin, wo Unmengen von Milka-, aber auch andere Schoko-Tafeln, ihrer Bestimmung harren – nämlich gekauft und dann verzehrt zu werden.


Der gewifte Leser ahnt, was nun kommen wird, nein, er weiß es bereits jetzt schon mit absoluter Gewissheit, nämlich dass genau diese Sorte, die Milka-Haselnuss, aus war. Mein Nachfragen nach etwaigen Lagerbeständen brachte leider keine Verbesserung der Situation. Mein gedankliches Glücksidyll jäh zerstört, zerplatzt wie einen Seifenblase. Einfach so.


Und gerade als ich ansetzten wollte zum innerlichen Lamentieren, warum gerade jetzt, wo ich sie doch so gerne hätte, diese meine Sorte nicht da ist, und warum ich und warum überhaupt und … da fiel mir der Ernst Klotz ein. Dass diese Menschen damals so gut wie nichts hatten und ich stehe hier vor vollgefüllten Regalen und war kurz davor, mich zu beklagen.


Leicht beschämt war ich nun dankbar, dass ich in einer Zeit und an einem Ort leben darf, in der ich aus so einer Fülle auswählen darf. Ich kaufte einfach eine andere Süßigkeit (der Gewinner hieß Toffifee), die ihren Zweck genauso gut erfüllte. Und hoffe, dass diese Wertschätzung und Dankbarkeit für das viele Gute in Zukunft öfter Einkehr halten möge.

 

Übersicht / Startseite